"und hier "ganz kriminelles von mir" und etwas appetitlich ist es auch noch - jedenfalls für meinen Mittagsappetit - habe ich fett gedruckt für die, die keine Geduld zum lesen, aber Lust zu Kochen haben

AUSGEKOCHT
Der Blick in den Spiegel bestätigte Hannes Schleich, dass er wirklich ein gut aussehender, eleganter Mann war.
Dann gingen seine Gedanken zu seiner Ehefrau Karina, die einfach zu alt, zu dick, zu langweilig und zu geizig war. Besonders störte es ihn, dass er, trotz seiner Position als Geschäftsführer der Hotelanlage, bei größeren Investitionen auf ihre Zustimmung angewiesen war.
Er dachte an den Beginn ihrer Beziehung zurück.
Durch familiäre Umstände wurde er schon im Alter von 21 Jahren Geschäftsführer des Familienunternehmens, einer Schmuckfabrik.
Als es sieben Jahre später zur Zahlungsunfähigkeit der Firma kam, wurde Karina die vom Gericht bestellte Insolvenzverwalterin.
Hannes bemühte sich sehr, Karina zu gefallen. War er doch in Sorge, dass ein genauer Blick in die Unterlagen unangenehme Fragen aufwerfen würde.
Unnötige Sorgen, im Nachhinein konnte er sogar behaupten, der Firmenzusammenbruch war die für ihn beste Entwicklung. Niemand sah sich die Unterlagen mehr genauer an und so blieb unerkannt, dass Rechnungen für wesentliche Bestandteile seiner im Ausland gelegenen Hochseejacht als betriebliche Instandhaltungskosten verbucht waren.
Karinas dem Gericht vorgelegter Bericht über die Ursachen der Zahlungsunfähigkeit zeigte als Grund gestiegene Kosten bei gleich gebliebenen Umsätzen.
Es erfüllte Hannes mit Genugtuung, dass Karina noch immer glaubte, die Jacht gehöre seinem Freund Janek.
Karina, Tochter einer vermögenden Familie mit eher kleinbürgerlicher Lebensweise, war weder hübsch noch hässlich. Sie hatte die Dreißig schon längst überschritten, als sie sich kennen lernten.
Sie lebte allein und zeigte sich dankbar für seine Avancen, die er, als er erfuhr, dass sie gerade eine bekannte Hotelanlage geerbt hatte, bis zum Heiratsantrag steigerte.
Zufrieden lächelnd polierte er seine Nägel am Jackettaufschlag. Wer kann meinem Charme schon widerstehen, selbst Oma meinte, dass ich ein süßes, ausgekochtes Bürschchen sei, dachte er.
Hannes erhob sich aus dem Friseurstuhl, tätschelte der jungen Frau, die ihn rasiert hatte, den Po und steckte ihr einen Hundert-Euro-Schein in den Hosenbund.
Langsam schlenderte er durch die Hotelhalle, warf einen Blick auf die Rezeption und ließ sich versichern, dass alles in Ordnung sei. Das Frühstück nahm er auf der Terrasse des Hotelrestaurants ein. Sein Blick wanderte über eine kleine Golfanlage und die sich anschließenden Felder. Wie gern würde er die Anlage um ein paar Löcher erweitern und das Hotel zu einem Treff der High Society umgestalten.
Seine Gedanken schweiften zum vergangenen Wochenende, das er zum wiederholten Male mit dem bekannten Model Ina Kapinski auf seiner Jacht verbracht hatte. Er genoss es, sich in prominenter Partygesellschaft zu bewegen und Ina zeigte ihm, wie man mit einem Geldschein ein wenig Spaß ins Hirn saugt. Eine Erfahrung, die er gern wiederholte, auch weil ihm der Sex mit Ina danach so gewaltig vorkam. Das war schon ein andere Klasse als die kleine Friseuse, von Karina ganz zu schweigen, mit der muss er sich etwas einfallen lassen. Diese Bevormundungen, diese Langeweile, all das wird es nicht mehr geben. Karina, heute ist ein guter Tag zum Sterben, dachte er.
In seinem Büro erledigte er ein paar Telefonate, las die Zeitung und gegen elf Uhr rief er seine Frau an. „Schatz, heute ist Mittwoch, unser heiliger Küchentag. Ich will dann gleich noch Papier und Verpackung im Heizungsraum verbrennen. Eine Gelegenheit, endlich alte Jahrgänge deiner Zeitschriften zu entsorgen, keine Diskussionen, such mir was heraus.“
Hannes öffnete den Bürosafe. Er musste etliche Papiere beiseite räumen, bis er die Schatulle, in der er Erinnerungsstücke aus der Goldschmuckfabrik Schleich aufbewahrte, in den Händen hielt. Ganz am Boden lag eine bruchsicher verpackte Ampulle, die steckte er in seine Jackettasche. Dann ging er hinüber ins Wohngebäude.
Karina telefonierte gerade mit dem Weinlieferanten und lächelte ihn an. Er küsste ihr das Haar und ging in die Küche. Zwei Scheiben Sandkuchen lagen neben der Espressomaschine auf einem Teller, Karinas Lieblingsgebäck, das er verabscheute.
Das trockene Zeug liegt ja wie bereitgestellt, dachte er, holte das Röhrchen aus der Tasche und auf Karinas Telefongespräch lauschend, bestäubte er die Kuchenscheiben mit dem Inhalt.
Wusste ich doch, dass mir auch ohne Goldverarbeitung das Zyankali irgendwann nützlich wird, dachte er und steckte das Röhrchen wieder in die Jackettasche.
Dann wusch er sich gründlich die Hände und betätigte die Espressomaschine. Er setzte sich an den Tisch und begann Kartoffeln zu schälen und zu würfeln. Karina setzte sich dazu und putzte und würfelte Suppengemüse. Dabei erzählte sie ihm ausführlich den Verlauf des Telefongespräches, wie sie Rabatte ausgehandelt hatte und mit welchen Scherzen ihr Geschäftspartner darauf reagierte. Hannes sah sie an und dachte: Du wirst mich nicht mehr langweilen, Dickerchen. Er stellte einen Topf auf den Herd. Karina erzählte nun, wie sehr ihre Freundin Anna sich solche Tage wünschte, gemeinsam mit dem Ehemann das Essen zubereiten zu können.
„Das hält die Liebe jung und man entfremdet sich nicht “ sagte Karina.
Er nickte „Man kann sich dabei unterhalten“.
In Gedanken vollendete er: aber wir nicht mehr lange!
Hannes gab ein Stück Butter in den Topf und schmorte das klein geschnittene Gemüse an, gab die Kartoffelstücken dazu, goss Brühe auf , fügte ein Lorbeerblatt , Salz, Pfeffer und zwei Pimentkörner hinzu.
Als die Suppe zehn Minuten köchelte, pürierte er sie und füllte mit Sahne auf. Schließlich nahm er ein frisches Lachsfilet aus dem Kühlschrank, wusch es, beträufelte es mit Zitrone und schnitt es in schmale Streifen, die er in die Suppe gleiten ließ.
Hannes öffnete die Tür zum Heizungsraum und begann, in den Ofen der Anlage Holz nachzulegen. Seine Gedanken eilten der Zeit voraus, er sah sich als tief betroffener Ehemann, der gerade vom Arzt erklärt bekam, dass seine geliebte Frau an den Cyanwasserstoffgasen, die sich beim Verbrennen von polymeren Kunststoffen bildeten, verstorben sei.
... wie es weiter geht, können sie in der Ausgabe 10/07 der Zeitschrift Kurzgeschichten lesen
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