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Märchen und Anti-Märchen

Ich möchte hier das Märchen "Die Sternthaler " von den Brüdern Grimm dem "Märchen der Großmutter" aus dem Drama "Woyzeck" von Georg Büchner gegenüberstellen, weil durch diese Gegenüberstellung die Hoffnung stiftenden Elemente des Märchens gut erkannt werden können:

Brüder Grimm

Die Sterntaler

Es war einmal ein kleines Mädchen, dem war Vater und Mutter gestorben, und es war so arm, daß es kein Kämmerchen mehr hatte, darin zu wohnen, und kein Bettchen mehr hatte, darin zu schlafen, und endlich gar nichts mehr als die Kleider auf dem Leib und ein Stückchen Brot in der Hand, das ihm ein mitleidiges Herz geschenkt hatte. Es war aber gut und fromm. Und weil es so von aller Welt verlassen war, ging es im Vertrauen auf den lieben Gott hinaus ins Feld. Da begegnete ihm ein armer Mann, der sprach: »Ach, gib mir etwas zu essen, ich bin so hungerig.« Es reichte ihm das ganze Stückchen Brot und sagte: »Gott segne dir's«, und ging weiter. Da kam ein Kind, das jammerte und sprach: »Es friert mich so an meinem Kopfe, schenk mir etwas, womit ich ihn bedecken kann.« Da tat es seine Mütze ab und gab sie ihm. Und als es noch eine Weile gegangen war, kam wieder ein Kind und hatte kein Leibchen an und fror: da gab es ihm seins; und noch weiter, da bat eins um ein Röcklein, das gab es auch von sich hin. Endlich gelangte es in einen Wald, und es war schon dunkel geworden, da kam noch eins und bat um ein Hemdlein, und das fromme Mädchen dachte: »Es ist dunkle Nacht, da sieht dich niemand, du kannst wohl dein Hemd weggeben«, und zog das Hemd ab und gab es auch noch hin. Und wie es so stand und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel, und waren lauter blanke Taler; und ob es gleich sein Hemdlein weggegeben, so hatte es ein neues an, und das war vom allerfeinsten Linnen. Da sammelte es sich die Taler hinein und war reich für sein Lebtag.

Georg Büchner

Märchen der Großmutter

GROSSMUTTER : Kommt, ihr kleinen Krabben! - Es war einmal ein arm Kind und hatt' kein Vater und keine Mutter, war alles tot, und war niemand mehr auf der Welt. Alles tot, und es is hingangen und hat gesucht Tag und Nacht. Und weil auf der Erde niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an; und wie es endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz. Und da is es zur Sonn gangen, und wie es zur Sonn kam, war's ein verwelkt Sonneblum. Und wie's zu den Sternen kam, waren's kleine goldne Mücken, die waren angesteckt, wie der Neuntöter sie auf die Schlehen steckt. Und wie's wieder auf die Erde wollt, war die Erde ein umgestürzter Hafen. Und es war ganz allein. Und da hat sich's hingesetzt und geweint, und da sitzt es noch und is ganz allein.

Hier hat Büchner alle Zuversicht schenkenden Elemente aus dem Märchen getilgt und der Figur jede Möglichkeit zu agieren genommen, nur die traurige Ausgangssituation ist noch gleich.

Das Sterntaler-Märchen
der Grimms

Das Märchen der Großmutter
von Büchner

verwaistes Kind

verwaistes Kind

das Kind hat Gottvertrauen, erfährt selbst etwas Mitleid und zeigt sich sehr mitleidig

dieses Kind ist ohne Gottvertrauen und erfährt kein Mitleid und hat keine Möglichkeit, anderen Mitleid zu geben, so einsam ist es

Das Kind ist mit dem Universum verbunden

Für dieses Kind zeigt sich jede Hoffnung auf Allverbundenheit als Illusion:

  • Sterne: statt kosmischer Ordnung nur aufgespießte Insekten
  • Mond: statt romantischer Natur nur ein faules Stück Holz
  • Sonne: statt der alles überstrahlenden Kraft nur eine welke Blume

In seiner Welt kommt wieder alles in Ordnung,

in seiner Welt kommt nichts in Ordnung (sie ist ein umgedrehter Nachttopf)

Die Hoffnung ist berechtigt, das Märchen zeigt guten Ausgang

Die Hoffnung ist sinnlos, das Märchen zeigt eine existenzielle Ausweglosigkeit

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