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Die pädagogische Bedeutung der Märchen

© Bettina Buske

„Eigentlich sind Märchen ja gar nicht für Kinder gemacht.“

Häufig bekomme ich diesen Satz zu hören und manchmal wird damit auch eine Ablehnung der Märchen in der Kindererziehung begründet. Dem Satz kann nicht widersprochen werden, Märchen wurden zur Unterhaltung erzählt.
Wenn man nur weit und fern genug in die Historie des Genres eintaucht, kann man auch begründen, dass Märchen eigentlich nur für Männer gemacht sind.
Aber ich will hier nicht über Ursprünge und Herkunft der Märchen sinnieren - wozu man leicht verführt werden kann -  hier möchte ich meine Ansicht über den Nutzen von Märchen für die kindliche Entwicklung darlegen und meine These vertreten,dass das Genre in der heutigen Zeit genauso aktuell ist wie in früheren Zeiten.
Auch erklärte Märchengegner können die Faszination, die Märchen auf Kinder ausüben, nicht bestreiten.
Kinder haben entschieden, dass Märchen etwas für sie sind. Und das ist auch nicht verwunderlich, denn der eindimensionaler Aufbau (keine Seitenstränge der Erzählung, keine Rückblenden), der fließende Übergang von der realen Welt zur fantastischen (und umgekehrt), die Einheit des menschlichen Märchenhelden mit Tieren und den Vertretern der magischen Welten entspricht der kindlichen Denkweise, seiner Wahrnehmung der Umwelt.
Da die Märchenheldin, der Märchenheld keine besondere Beschreibung erhält, ist es jedem Zuhörenden möglich, sich mit dem Helden oder der Heldin zu identifizieren und so durch und mit ihnen Abenteuer und Prüfungen zu bestehen, bis das Glück gefunden wird und alle Not ein Ende hat.
„Es war einmal…“ eine gängige Eröffnungsfloskel, und nicht nur im deutschsprachigen Raum.
Zeitlosigkeit ist eines der Kennzeichen von Märchen und was einmal war, kann wieder werden, es war, es ist, es wird sein… Zuversicht gebende Möglichkeiten der Zeit, die sich sofort aufdrängen.


Als Grund der Ablehnung von Märchen wird zum Einen ein zu optimistisches und somit weltfremdes Vertrauen genannt, dass das Kind aus realitätsfernen Bildern vermittelt bekommt, ein anderer Grund ist die Grausamkeit in Märchen.

Wie sieht es nun mit diesen Vorwürfen aus?  Das Märchen vermeidet Konflikte nicht und räumt auch Schwierigkeiten nicht aus dem Weg.
Das Märchen erzählt dem Kind,  dass Mut und Selbstbewusstsein, Zielstrebigkeit, Liebe, Geborgenheit, Verständnis, Achtung, Hilfe und Rücksicht das Leben menschlich machen.
Das Märchen beginnt mit einer problematischen Situation und zeigt dann, wie diese bewältigt wird. Es erklärt, welche Prozesse durchlaufen werden müssen, damit man sich aus den Verwicklungen befreien kann.
Die Schwierigkeiten der Märchenfiguren sind von der Art, wie sie Menschen zu bewältigen haben, im Märchen werden allgemein-menschliche Probleme angesprochen.
Held oder Heldin sind Symbole für menschliche Haltungen. Die im Märchen eingebrachten Figuren und Konflikt behaftete Beziehungen sind so offen und grundsätzlich, so dass jeder Zuhörer seine eigenen Konflikte einbringen und sie auf seine Weise miterleben und verarbeiten kann.
Aber die Märchen sind keine analytische Beschreibung unserer Probleme, sie sind ein anschauliches Sinnbild dafür. Das gibt Kindern und auch Erwachsenen die oft nötige Distanz, um mit den Problemen, die sich in den Bildern ausdrücken und die wir uns oft selbst noch gar nicht richtig eingestehen, umzugehen.
Der Symbolgehalt der Märchen ist den Hörern bzw. Lesern, weder den Erwachsenen noch den Kindern, immer bewusst.
Aber gerade dadurch, durch das unterschwellige, geahnte Wissen, hilft das Märchen, die Grundprobleme der Menschen wie: Leben und Tod, Liebe und Hass, Schuld und Sühne zu erleben, zu ertragen und ggf. zu gestalten.

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